Ausgabe: Nr. 72, I, 2001   15.02.2001

Autor: Jens Marheinecke

 

Viele Eltern wollen den Tod aus dem Erleben ihrer Kinder fernhalten. Sie meinen, ein Begräbnis oder eine Trauerfeier könnte die Kleinen überfordern.

Ich meine, auch ein Kind hat das Recht, nicht nur um die Geburt, sondern auch alles um das Sterben und das Begrabenwerden zu wissen. Es wäre aber besser, wenn ein kleines Kind schon vor dem Tod im Familienkreis den Friedhof kennen lernt.

In den letzten Jahren habe ich hunderte von Führungen auf dem Ohlsdorfer Friedhof unternommen. Mich persönlich hat es am Tiefsten berührt, wenn ich mit Kindergruppen oder Schulklassen gehen durfte. In diesem Frühsommer zeigte ich einer dritten Klasse der St. Antonius-Schule aus Winterhude unseren Friedhof.

Für mich war es eine große Überraschung, als mir eine Woche später die Lehrerin der Klasse, Frau Mechthild Köller, einen dicken Umschlag mit Aufsätzen und Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler zuschickte. Ich war sehr beeindruckt davon, wieviel die Kinder von der zweistündigen Wanderung behalten hatten. Die unbefangenen Schilderungen zeigten aber auch, welches Vorwissen von Friedhof die Kinder mitbrachten und dass viele das erste Mal in Ohlsdorf gewesen waren.

Filemon schreibt: "Ich habe mich gewundert, dass es auf dem Friedhof so viele Bäume gab." Und Sebastian meint: "In Krakau sehen die Friedhöfe ganz anders aus. Der Ohlsdorfer Friedhof sieht wie ein großer Park aus. Dort gibt es große Wiesen und Seen. Dort gehen die Leute auch spazieren." Theresa hatte vorher wohl noch gar keinen Friedhof besucht: "Ich hatte mir einen Friedhof ganz anders vorgestellt, nämlich dass da nur Gräber sind und nicht so viel Natur." Christopher kommentiert: "Eigentlich habe ich mir einen Friedhof ganz anders vorgestellt, nämlich dass auf jedem Grab ein Kreuz ist." Besonders beeindruckt waren die Kinder vom Kinderfriedhof, fast jeder erwähnt ihn in seinem Bericht. Florian schreibt dazu ziemlich abgeklärt: "Ich habe Mitleid mit den Familien, die Babys verloren haben. Es ist besser, wenn das Baby sofort nach der Geburt stirbt, als vier Jahre danach, wenn man sich schon an das Kind gewöhnt hat." Sebastine meinte gefühlvoll: "Sehr traurig waren die Babygräber."

Mich hat gewundert wie gut die Schüler den Sinn der Kunstwerke verstanden. Zu Beginn hatten wir die Gruppe "Prophet und Genius" von Gerhard Marcks betrachtet. Dazu bemerkt Filemon: "Ich fand den Propheten und den Engel interessant, weil der Engel den Propheten nie losgelassen hat. Aber er hat ihn auch nicht erdrückt." Die Kinder entdecken auch viele Kleinigkeiten und wollen auch zeigen, dass sie etwas gelernt haben. Als wir an dem Patenschaftsgrab der Familie Mauss vorbeikamen, meinte ein Junge: "Maus schreibt man aber nur mit einems!" Die Mitschüler interessierten sich aber viel mehr für das kleine Mäuschen unten am Grabstein.

Der Margarethenbrunnen von Eugen Christ hatte es allen Kindern angetan, kein Motiv wurde so oft erwähnt und gezeichnet. Verblüffend ist es, wenn man die Kinderzeichnungen sieht und mit den Fotos vergleicht. Da erkennt man, wie gut die Neunjährigen das Wesentliche bei einem Grabstein oder Kunstwerk herausgefunden haben. Sei es nun beim Margarethenbrunnen, beim Grabmal Fanny Stut oder bei dem großen Schutzengel von Bruno Kruse auf der Grabstätte Hanssen. Jeder Leser kann das aber für sich nachprüfen, denn die Kinderaufsätze und die Zeichnungen liegen ab sofort im Friedhofsmuseum Ohlsdorf aus.

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Förderkreis Ohlsdorfer Friedhof e.V.

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